22. Mai 2004

Raid Provence Extreme

Ein Bericht von Marietta Kuonen

Schmerzende Beine, der ganze Körper schreit nach einem Ende. Oder wenigstens nach einem Bett. Doch der Kopf gibt noch nicht auf. Nur noch 200km dann gehört Pascal ebenfalls zu den „Extremen“, welche das Raid Provence Extrem Rennen mit 628km und nahe zu 9000 hm Non-Stopp gemeistert haben.

In der Provence fand am 21.-22. Mai 2004 zum ersten Mal die Austragung eines Ultra Events statt. 36 Athleten aus 9 Ländern wollten diese sehr anspruchsvolle Runde im Süden Frankreichs unter die Räder nehmen. Es galt 628km und nahezu 9000hm in einem Tag abzuspulen. Bei der Vorstellung, was da alles auf Pascal zukommen würde, kann es einem ganz schön kalt den Rücken hinunter laufen. All die Anstrengungen, die unzähligen, brennenden Höhenmeter, das überholen und überholt-werden über Stunden. Und das alles, um sich Kurbelumdrehung um Kurbelumdrehung auf die Berge zu schieben und nach Ewigkeiten erschlagen ins Ziel zu schlingern. Wie kann man es nur 24Std. und länger ohne Schlaf ununterbrochen auf einem Sattel aushalten? Einem Alltagsradler tut ja nur schon nach 3-4 Std. der Hintern brennend weh. Das physikalische Gesetz der Reibung bzw. der Nicht-Reibung wird sich während diesen 24Std. ja wohl nicht unbedingt um den Hintern eines Extrembikers scheren wollen! Egal, wen wir in den letzten Wochen mit dem Vorhaben von Pascal auch löcherten, alle schüttelten den Kopf: Das schafft der nicht! Geht nicht! Quatsch! Doch es ging! Und wie!!!

The day before

Am Donnerstagmorgen war es so weit. Eine Betreuer Crew mit Christoph, Bettina, Selä und ich waren mit einem Bus, etlichen Taschen und Kisten angetrabt. Man hätte meinen können, eine 6köpfige Familie würde für Wochen in die Ferien fahren! 1 Rennrad, 2 komplette Ersatzräder, 2 paar Bikeschuhe, Helm, Armlinge, Beinlinge, 3 Regenjacken, mehrere Bikehosen und Bikeshirt, diverse Brillen, Unmengen von Powerfood, in fester wie in flüssiger Form, Perskindol, Gesässcreme, Sonnencreme und und und... Zusammen mit Pascal und einem bis nahezu unters Dach beladenen Bus machten wir uns auf den Weg Richtung Provence, genauer nach Saint Rémy (ca. 20km nach Avigion). Gut angekommen, suchten wir gleich das Startgelände. Zügig musste Pascal seine Startnummer 25 abholen gehen. Mit seinen 27 Jahren galt er als jüngster Teilnehmer. Es folgte die technische Kontrolle und ein eher in die Länge gezogenes nicht viel aussagendes Briefing des Organisationskomitees. Danach war eigentlich nur noch Kohlehydrate bunkern angesagt.

The Race

Let's do it!

Es war früh, verdammt früh! Das Betreuer Team rüstete den Bus für das bevorstehende Race um. Hier ein Kanister, dort eine Taschentuchbox. Hier ein Trichter, dort die Werkzeugkiste. Hier ein Sackmesser, dort die Kehrichtsäcke. Alles perfekt durchgeplant. Das Wetter? Wolkenlos. Wir wollten endlich weg. Nun denn, Schicksal nimm deinen Lauf! Wie die Duracell-Hasen warteten insgesamt 36 Rennfahrer um 11.00 Uhr in Saint Rémy auf das „go“. Sie strotzten vor Energie und Tatendrang und nicht einmal die frostigen Wetterprognosen konnten sie bremsen. Vor ihnen lagen 628km und 9000 Höhenmeter. Die ersten paar Kilometer hoch zu dem Col de Murs (627hm) verliefen ziemlich gut. Ein auf der Strasse gemaltes „R“ irritierte die Spitzengruppe und liess sie bei der Abfahrt diesen Abzweiger nehmen. Sie ersparten sich so 24km! Pascal wurde dieses „R“ auch zum Verhängnis. Nur wurde er nach wenigen Km von der Rennleitung wieder den Berg hoch umgeleitet. Nach diesem Pass überfolg Pascal mit hoher Kadenz den Col de la Linge (805hm) sowie the Madeleine Viewpoint (432hm).

Der Berg ruft...!
Nun ging es also hoch Richtung berühmt berüchtigten Mont Ventoux (1910hm). Das 21km lange „sterben“ und das „wieder-geboren-werden“ konnte also beginnen. Ein Tour de France Teilnehmer meinte zu diesem Mont Ventoux: „La montée est terrible“. Elle fait mal!“ Très mal!“ Personnellement, ce sont les moments où je souffre le plus dans l'année.“ Wie treffend dieses Zitat doch stimmte, musste Pascal bald nach den ersten Kilometern erfahren. Krämpfe beim inneren Oberschenkelmuskel! Er hatte das Gefühl, jemand "gusle" mit einem langen Messer in seinem Oberschenkel herum. Er kämpfte! „Nicht jetzt schon!“. Der Kilometerzähler zeigte gerade mal 140km an und die Passhöhe war noch nicht einmal in Sichtweite. Er zweifelte! Jetzt bloss keine „W-Fragen“ stellen: kein WIE lange noch, WOZU dies alles, WARUM tue ich mir dies an! Er gewann Meter für Meter nur mühsam an Höhe und ein frischer Wind wehte um die Nase. Vielleicht war es die greifbare Nähe der Spitze, die seine Stimmung verbesserten und sein Körper von irgendwo wieder Energie bekam für den letzten Abschnitt hoch über den Mont Ventoux. Mit unseren Zurufen gaben wir Pascal zu verstehen, dass seine Leistung toll war. Geschafft! Armlinge, Beinlinge und warme Schuhe werden angezogen. Beim anschliessenden Downhill empfand Pascal das (Rennvelo)Leben doch wieder lebenswert. Er sauste losgelöst den Berg runter und überholte gleich mehrere Konkurrenten. Wir hatten alle Mühe ihm mit dem Begleitfahrzeug zu folgen!

Die nächsten grossen Berge rufen...
In der Abendsonne rollte Pascal über den Col de Maguegne (1068hm) und den Col de la Pigière (968). 207km lagen hinter ihm. Die Nacht brach heran. Wir montierten ihm die Nachtlampe auf sein Racerad. Nach einer weiteren Ration Ensure (flüssig Nahrung) und einem Schluck Elektrolyt nahm er einen weiteren Pass den Col de la Graille (1826hm) und 27km unter die Räder. Langsam schmerzte das Sitzen. Auch sein Rücken meldete sich und beschloss bei diesem Unterfangen nicht mehr länger mitzumachen! Pascal wollte sich für 10 Min. hinlegen und schlafen. Dieses Powerschläfchen hatte Wunder gewirkt. Ihm schienen Flügel gewachsen zu sein. Kehre um Kehre trat er sich nun die Serpentinen hinauf. Angestachelt von seiner Euphorie überholte er hier am Berg drei weitere Konkurrenten, die ihn ohne Gegenwehr einfach ziehen lassen mussten. Wir genossen mit ihm jeden Bike-Kilometer. Der Pass schlang sich endlos dahin. Es war bereits 23.45 Uhr. Bei Minustemperaturen überquerten wir den Pass und rasten talwärts. Einfach nur die Räder laufen lassen. 20km lang! Nicht einmal mehr die zunehmende Kälte konnte ihm etwas anhaben!

5 weitere Berge und ein durchgeknallter Tankwart

Morgens um 02.00 Uhr erreichten wir nach 293km den Streckenposten Nr. 7 von total 10. Bei dieser (sau)Kälte bekundete Pascal Mühe kalte Getränke in sich zu schütten. Da kam ein wärmender Tee gerade richtig. Unaufhörlich ging es im Auf und Abwärts Trend weiter über 5 Berge: Le Poteau de Teile (724hm), den Col d'Aven (1047hm), den Point Sublime (797hm) und den Sublime Corniche (1201hm). Zwischendurch legte sich Pascal für 10 Min. wieder einmal zum schlafen hin. Immer noch wild entschlossen fuhr er danach weiter. Let's do it again! Der letzte Berg mit 14% Steigung war geknackt! Im Morgengrauen und gähnend öffnete sich vor uns der tiefe Schlund der Verdon Schlucht. Wie im Eingang eines Kaufhauses hauchte uns die zunehmend wärmende Luft ins Gesicht und nach jedem verlorenen Höhenmeter legte sich die Gänsehaut langsam wieder glatt. Vive la France!! So schön die Gegend hier auch war, wir hatten plötzlich ein akutes Benzinproblem. Fern ab von jeder Zivilisation, wo nur vereinzelt ein paar Bauernhöfe auftraten, war keine Tankstelle weit und breit in Sicht. Und Kreditkarten kannte die Provinz Provence eh noch nicht! (die sind noch mehr hinter dem Mond als die Walliser!!!!) Pascal fuhr sein Race weiter, und wir mussten eine andere Route nehmen und uns auf die Suche nach Benzin machen. Hier geschah es, dass ein durchgeknallter Tankwart mit Alkohol Augen und oben Ohne uns morgens um 07.30 Uhr die Pistole an die Brust drückte, nur weil wir es wagten seine Öffnungszeiten zu ignorieren und ihn aus seinem Schönheitsschlaf weckten. Wir liessen uns nicht einschüchtern und wollten mit ihm ein vernünftiges Gespräch führen. Unmöglich! So zogen wir mit dem letzten Tropfen von dannen. Ein nahe gelegenes Hotel hatte fünf Liter Benzin für uns übrig. So konnten wir uns in die nächst grössere Stadt retten, wo wir auch wieder Pascal einholten. 429km lagen hinter ihm!

Against the wind!
Der letzte Teil wartete auf Pascal! 199km und rund 1292hm über den Hügel de Sainte Anne (516hm), den Hügel Vernègues (412hm) und den Hügel Roquemartin (364hm und 21% Steigung)! Easy,- dachten wir! Doch da hatten wir die Rechnung wohl ohne den Wirt gemacht, wie sich schnell herausstellen sollte. Der Mistral Gegenwind erschwerte Pascal die letzten Kilometer und es hiess alles andere als die Beine hängen lassen. Richtig, fiese, böenartige Windstürme! Unsere Moral war gebrochen. Doch Pascal dachte nicht eine Sekunde ans Aufgeben. Hier im Nichts und Nirgends hätte es eh kein zurückgegeben! Nur Hoffnung auf Besserung. Seine Akkus waren leer! Doch er hatte das Ziel Saint Rémy direkt vor Augen. Nur noch 10km sagte unser Roadbook! Pascal schien in Hochstimmung zu sein und beschleunigte sein Tempo. Ein richtiger Endorphin-Junkie! Das Ortsschild Saint Rémy tauchte auf! Noch eine Kurve! Wir hörten den Namen Pascal Müller aus dem Lautsprechen. Die Ziellinie! Es ist geschafft! Nach 28 Std. erreichte er Freitagnachmittag um 16.20 Uhr das Ziel! Pascal konnte sich als Sieger fühlen mit der Gewissheit, etwas ganze Besonderes, etwas Aussergewöhnliches geleistet zu haben. Es war der Moment der Erlösung! Qualen, Schmerzen, die Zweifel waren auf einen Schlag vergessen und machten einem unbeschreiblichem Glücksgefühl Platz. Pascal hatte uns auf eindrücklicher Art und Weise gezeigt, zu was der menschliche Körper fähig ist. Es war hart, aber Stunden später sprach Pascal bereits wieder vom nächsten ultra Langdistanzrennen. Tja,- Verrücktheit ist halt das Salz im Leben.


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