ein Bericht von Philipp Gemperle
Um es gleich vorneweg zu nehmen - wir erreichten das gesteckte Ziel leider nicht. Von einem Misserfolg zu sprechen wäre aber hier jedoch gänzlich fehl am Platz. Pascal Müller musste das Rennen nach 19 Stunden, 310 Kilometer und 7750 Höhenmeter abbrechen, weil er während der Abfahrt vom Berninapass mehrere Male einzuschlafen drohte. Bei dieser Geschwindigkeit wurde das Risiko einfach zu gross und wir entschieden, lieber das nächste Jahr nochmals die Gelegenheit zu nutzen um dieses Rennen zu meistern, als jetzt aus lauter Ehrgeiz und Leichtsinn Kopf und Kragen zu riskieren. Mehr dazu aber später. Sie finden nun einen Rennbericht - und darin eingeflochten - die Evaluation dieses Rennens, aus Sicht des Fahrers und seinen Begleitern.
Die Vorbereitungsphase
Gerade in dieser Phase passierte der wahrscheinlich grösste Fehler. Pascal hat für sich entschieden, dieses Rennen zu fahren. Er kennt die Ressourcen, die er für dieses Rennen benötigen wird. Langwierig und konsequent bringt er seinen Körper in die Form die es bedarf, um ein solches Rennen bestreiten zu können. Ebenso vorausschauend sucht er sich sein Team zusammen, die mit ihm am Start antreten werden. Je näher der Tag X kommt, um so grösser die Anspannung. Pascal weiss um sein junges und unerfahrenes Team; weiss, dass der Einsatz den sie erbringen müssen, sehr gross ist. Er schätzt es, dass ihm seine Freunde helfen, die wenigsten von ihnen haben Rennerfahrung. Er will sie wo immer möglich entlasten, es reicht, wenn sie während des Rennens bedingungslos für ihn da sind. Durch diese Einstellung lancierte er sich selbst zu Teamchef. In der Regel ist das der Fahrer indirekt ja auch. Er gibt im Vorfeld bekannt, wie er es haben will und vertraut dann auf die Arbeit seines Teams. Pascal fiel dies sehr schwer. Er organisierte bis zu letzt alles durch, beschriftete Kisten, rannte von A nach B um alles benötigte Material aufzutreiben. Kurzum: er verbrauchte viel Energie im Geist um die Vorbereitungen möglichst exakt zu treffen. Endlich alles beisammen. Das Material wird verladen und wir sind abfahrtsbereit. Wir, das heisst Pascal und ich, denn der Rest des Teams muss noch arbeiten und kann nicht bereits am Donnerstagmittag mit nach Österreich reisen. Schon schön genug, dass sie überhaupt am Freitag frei nehmen konnten. Wir fahren also nach Nauders, sind pünktlich zur Startnummernausgabe um 15.00 Uhr in der grossen Halle und erfahren allerlei wissenswertes über das Rennen. Nach dem Fahrerbriefing gehen wir zu unserem Hotel und richten den Pacecar ein. Ein Drehlicht muss montiert, Startnummern angebracht werden. Ausserdem stehen wir vor der Aufgabe jede Menge Kisten so zu verstauen, dass wir jederzeit und ohne grosses hin- und herbeigen Zugriff auf deren Inhalt haben. In der Tat, uns gelingt dieses kleine Meisterstück. Mit einem mulmigen Gefühl betrachte ich unser Pacecar, vollgestopft mit Kleidung, Nahrung, Wasser und Ersatzteilen. Ach ja, in diesem Ding werden wir morgen für 32 Stunden zu fünft Sitzen, (das von der Rennleitung zugewiesene Kontrollorgan miteingeschlossen). Vorfreude und ein banges Gefühl steigt in mir hoch. Ich finde die 32 Stunden im Auto schon hart, wie wird das wohl für Pascal sein auf seinem Fahrrad? Er verschwindet in seinem Hotelzimmer. Er weiss, er sollte jetzt eigentlich schlafen, aber wie? Zu gross die Aufregung, ausserdem ist der Rest des Teams noch nicht hier. «Kommen die noch, finden sie den Weg, geht’s ihnen gut? Ich muss doch noch wach bleiben, bis sie da sind. Ich muss wissen dass sie da sind, sonst kann ich auf keinen Fall schlafen.» Endlich, um 23.30 trifft das Fahrzeug mit dem Rest vom Team ein. Händeschütteln, bedanken und dann möglichst rasch ins Bett. Es liegt auf der Hand, unser Fahrer hätte schon lange schlafen sollen. Aber wer kann es ihm verübeln?
Am nächsten Morgen, das ganze Team ist motiviert, die Vorbereitungen laufen in den letzten Zügen. Das einzige Bangen gilt der Person die uns Zugesagt hat, als das von uns gestellte Kontrollorgan in einem anderen Team mitzufahren. Sie kommt erst am Morgen des Rennens, es war ihr vorher nicht möglich. Wir alle wissen, ohne Sie erhalten wir die Starterlaubnis nicht. Ein weiterer Nervenfresser. Hat sie den Zug verpasst? Sie stösst wie abgemacht eineinhalb Stunden vor dem Start zu uns. Das reicht noch, um uns vorzustellen und sie ihrem Team zuzuweisen.
RATA 2003: Der Start
Der Start verlief zunächst gut. Die ersten 40 Kilometer über den Reschenpass wurde das Rennen neutralisiert. Die Fahrer führten den Tross an, dahinter kolonierten die Pacecars auf. Wir fuhren also die ersten 40 Kilometer immer dem gleichen Fahrzeug hinterher, bis zu jenem Rotlicht, dass uns von unserem Vordermann trennte. Wir fuhren so gelassen auf der grossen Hauptstrasse, dass wir den kleinen Abzweiger Richtung Stilfser Joch gar nicht bemerkten. Als wir unseren Irrtum bemerkten, war unser Fahrer bereits am Aufstieg zum Stilfser Joch. Ihm entging aber keinesfalls, dass er bereits von allen Pacecars überholt worden ist, ausser von seinem eigenen. Wir befürchteten, dass dieser an und für sich kleine Patzer sein Vertrauen in sein Team schon wieder etwas schwächen könnte. Also versuchten wir es mit einer Ausrede von wegen viel Verkehr und einem grossen Lastwagen, den wir nicht überholen konnten. Für’s erste war die Situation geklärt, und wir geläutert.
Stilfser Joch
Nun wollten wir unseren Job nur noch gut machen. Also hielten wir immer wieder an der Seite, fragten nach seinem Befinden, hielten Bidons, Ensure und Bananen bereit, wenn er durchfuhr. Kurzum, wir gaben unser Bestes. Plötzlich die schlechte Nachricht: Pascal hat Mühe mit dem Magen. Es sticht. Die Hitze und das schnelle Anfangstempo des Feldes war zu viel für seine Verdauung (wie sich nach dem Rennen herausstellte auch für die einiger anderer Fahrer). So kämpfte er sich mit Magenkrämpfen den Pass hinauf. Wir waren sehr verunsichert - wird das wieder? Ist das normal, wie steht er die nächsten Stunden so durch? Oben auf dem Pass richteten wir Pascal seinen Stuhl ein und hielten die warme Kleidung bereit. Als er oben ankam, versuchten wir quasi jeden Wunsch von seinen Lippen abzulesen. Wahrscheinlich machten wir unbewusst zu viel für ihn. Niemand wollte den der Bösen spielen, der ihn wieder aus dem Stuhl holte und auf das Rad steckte und so vergeudeten wir kostbare Minuten. Immerhin, sein Magen erholte sich und wie ein junges Rehlein fuhr er den Pass hinunter, unmöglich für uns ihm zu folgen.
Gavia Pass
Kurz nach Bormio haben wir Pascal dann wieder eingeholt und die warme Kleidung, welche er für die Abfahrt vom fast 2700 m hohen Stelvio gebraucht hat, wieder entgegengenommen. Natürlich fahrend aus dem Fenster des Pacecars, damit ja keine Zeit verloren ging. Der Gavia ist einer der steilsten Pässe Europas, doch von diesem Umstand liessen wir uns nicht beindrucken, und Pascal konnte auf der Passhöhe sogar zu zwei Mitstreitern aufschliessen und diese überholen. Wiederum eine schnelle Abfahrt, auch welcher wir ihm nicht folgen konnten.
Der Aufstieg zum Aprica-Pass
Als wir unseren Pascal wieder einholten, beschwerte er sich über seine neuen Felgen. Die teuren Laufräder sind leicht, aber das vordere Rad scheint einen Defekt zu haben. Die Bremsbeläge werden unnatürlich stark und ungleichmässig beansprucht. Wir erhalten die Weisung, jeweils für die Abfahrt sein altes Laufrad einzuspannen. Gut; merken wir uns. Wir setzen uns wieder hinter Pascal und wollten ihn so auf seiner Fahrt zur Passhöhe begleiten. Wir wurden aber schnell eines besseren belehrt. Die italienischen Lkw-Fahrer scheinen nicht viel für Radrennen übrig zu haben. Weder für Begleitfahrzeuge mit Warn- und Drehlichter, noch für den Fahrer selbst. Was jetzt folgte, war ein Kampf David gegen Goliath! Pascal und ein weiterer Fahrer wurden immer wieder vom einem Lastwagen abgedrängt. Als endlich die Passhöhe erreicht war, hatte Pascal ganz schwarze Beine von den Abgasen und klagte über Atembeschwerden. Caroline, die Physiotherapeutin aus unserem Team, kümmerte sich sofort um das Problem und gab Pascal wichtige Tipps, wie er atmen soll, damit das beklemmende Gefühl wieder weg geht. Sie hat ganze Arbeit geleistet. Pascal ist wieder auf dem Rad und flitzt richtig Mortirolo.
Mortirolo
Mortirolo - Hätte Hanibal nicht bewiesen, dass auch Elefanten über Alpenpässe kommen, würde man diesen Pass heute noch als nicht befahrbar einstufen. Aber Moment, so weit sind wir noch gar nicht. Erst mussten wir diesen Pass nämlich erst einmal erreichen. Und das über ein sehr langes flaches Stück. Der italienische Feierabndverkehr schien keine Anstalten zu machen, abzunehmen. Und so rollte Pascal inmitten kleiner Schumachers Richtung Montirolo. Aber eben; ein Unglück kommt selten allein und so trug auch der Wind noch das seinige bei und blies unablässig in die Gegenrichtung. Nun war es an mir den vermeidlichen Fehler zu begehen. Ich empfand Mitleid für Pascals Situation und wollte etwas motivierendes sagen. Wollte ihm mitteilen, dass wir mit ihm fühlten. Also liess ich das Fenster runter und sagte was wie: «Die Regeln verbieten uns dir Windschatten zu bieten, aber mit unserem Geist geben wir dir volle Deckung.» Das hätte ich wohl besser für mich behalten. Pascal hob den Kopf, als ob er den Wind erst jetzt bemerkte, und was jetzt folgte, kam einem Donnerwetter gleich. Er liess eine ganze Triade über die Ungerechtigkeit des Wetters von sich. - Na wenigstens wussten wir so, dass er wieder genug Luft bekommt.
Und plötzlich war sie da, die Wand! Wir genossen anfänglich noch die Aussicht aus unserem Fahrzeug, hinunter ins Tal, der roten, untergehenden Sonne entgegen. Als sich die Strasse vor uns zunehmends aufbäumte und schon fast in die Vertikale zu gehen drohte. (Ich übertreibe hier ein wenig, es sei mir vergönnt, der Pass war wirklich unsäglich steil!). Pascal fuhr Schlangenlinien und das Ausrufen ist ihm auch vergangen, er brauchte wieder alle Luft die er kriegen konnte. Zeitweise befürchteten wir, dass er mit den Verbauungen an der Strassenseite kollidieren würde. Die Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen und er machte auf uns alle keinen sehr guten Eindruck mehr. Wir feuerten Ihn mit Zurufen an. Plötzlich kippte er zur Seite, stieg vom Rad und legte sich ins Gras. «Es geht nicht mehr», er brauche eine Pause. Wir schauten uns an. Dann holten wir die Rettungsdecke, und legten sie über ihn, damit er nicht zu frieren anfing. Wir boten ihm auch Getränke, Riegel, eigentlich alles was wir bei uns hatten an. Er wollte nichts; nur Pause. War das jetzt das Aus? Christoph übernahm nun die Rolle des Winkelrieds und fing an, auf Pascal einzureden. Er forderte ihn auf, doch wieder auf das Rad zu steigen, er müsse ja nicht schnell fahren, aber je länger er liegen bleibe, umso aussichtsloser wird es, diesen Berg noch erklimmen zu können. Er hatte nicht unrecht. Das schien Pascal auch so zu sehen und stieg wieder aufs Rad. Doch schon nach knapp 5 Minuten lag er wieder im Gras. Diesmal nicht bereit, auf das gute Zureden zu hören. Christoph, der Pascal schon bei der Crocodile Trophy durch Australien begleitet hatte, hielt im die Bilder aus jener Zeit vor Augen. Wie er völlig entkräftet dennoch sich immer wieder aufgerappelt hat und letztendlich die Ziellinie passiert hatte. Pascal quittierte das mit einem «er solle doch nun endlich den Mund halten!» Wir schwiegen alle betreten. Niemand wusste mehr so recht was tun. Pascal wollte die Zeit wissen und wie weit wir hinter dem Plan liegen würden. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch eine Stunde Vorsprung auf den letzen Finisher des Vorjahres. Er nervte sich ob dieser Tatsache und dies verhalf seiner Motivation auch nicht gerade zu Riesensprüngen. Schliesslich teilten wir ihm mit, dass wir nur seinetwillen hier seien, und dass er sich endlich von diesem Zeitquatsch lösen soll. Schliesslich bestehe die Herausvorderung darin, das Rennen überhaupt zu beenden auch wenn wir nach den limitierenden 32 Stunden im Ziel eintreffen. Wir gaben ihm 10 Minuten. In diesen soll er sich aber mit einem guten Gewissen erholen und nicht der Zeit nachtrauern. In dieser Zeit wurden wir von Benny Furrer und seinem Team überholt. Die Frage, ob wir Hilfe brauchten, beantworteten wir ohne zögern mit einem klaren nein und bedankten uns artig. Wir wussten es noch nicht, aber wir würden dieses Team wieder einholen. Dann ging es wieder los. Pascal setzte sich auf sein Rad und trat wieder an gegen den Berg. Jemand von uns begleitete Ihn unablässig. Wir nahmen ihm seine Flasche und die Lampe vom Rad und joggten damit nebenher. An dieser Stelle die Anmerkung: Er war für einen Radfahrer vielleicht etwas langsam unterwegs, aber für einen nichttrainierten Jogger ziemlich schnell. So kam es, dass wir uns immer wieder ablösen mussten. Aus diesem Grund trifft es den Nagel auf den Kopf, als wir oben am Pass standen und sagten: «Mit vereinten Kräften haben wir es geschafft!» Zu unserer Freude durften wir sogar das Team Furrer nochmals einholen. Also gut. Das Rennen geht weiter. Jetzt mussten wir irgendwie wieder unseren Fahrer flottkriegen. Er legte sich für 20 Minuten ins Pacecar zum schlafen. Unterdessen machten wir ein neues Tricot klar, etwas Pasta und wechselten das Vorderrad. Ebenso wurde die Rennmaschine mit einer Leistungsstarken Lampe ausgerüstet. (An dieser Stelle unseren herzlichsten Dank an Herrn Edison). Wir waren bereit unser Dornröschen nach seinen 20 Minuten zu empfangen. Er bot uns ein Bild der leibhaftigen Reinkarnation. Er scherzte wieder und war - soweit in diesem Zustand noch möglich - guter Dinge. Verpflegt und frisch angezogen machte er sich abermals an die Abfahrt, während der wir wiederum nicht viel von ihm zu Gesicht bekamen. Der in dieser Schlaufe zweimal berücksichtigte Aprica-Pass nahm Pascal in der Folge quasi zum Dessert. Der Verkehr war weg und die Strasse gehörte ganz uns. So mussten wir zweimal schauen, ob wir jetzt wirklich oben sind.
Bernina
So fuhren wir hinter ihm her Richtung Heimat. Die Schweizer Grenze vor uns und ein gutes Gefühl im Bauch, kamen wir zügig voran. Pascal hatte seinen Appetit zurück und wollte sein Ensure. Ein gutes Zeichen für uns, wenn er die Geschmacksrichtung sogar selbst wählte. Unmittelbar nach dem Grenzübergang beginnt der sehr lange Anstieg zum Bernina. Anfänglich lief alles reibungslos. Alles Systeme waren auf go und unser Fahrer trat hart in die Pedalen. Doch mit der Zeit machte sich die fortgeschrittene Nacht bemerkbar. Die Müdigkeit kam in uns allen hoch. Pascal traf sie ziemlich hart. War es doch spät nachts um 3.00. Die Hitze des Tages wurde nun abgelöst von klirrender Kälte. Dazu kamen die Nachwehen des Mortirolo. Das harte Treten ging in die Substanz von Pascals Rückenmuskulatur, die sich nun grausam Rächte. So kämpfte er gegen all die Widrigkeiten und den nicht kleiner werden wollenden Berg. Und abermals begingen wir einen entscheidenden Fehler. Wir wurden mehrmals gefragt wie weit es noch sei, und wir konnten aufgrund unseres Roadbooks keine klare Antwort geben. Bei einem späteren Halt tauchte die Frage erneut auf und ich richtete meinen Blick gegen den Berg, der tatsächlich zu enden schien. «nicht mehr weit», sagte ich und bin heute noch der festen Meinung, dass dieser Begriff relativ zu verstehen ist. Frisch motiviert machte sich also Pascal auf den Weg und als er die vermeintliche Passhöhe erreicht hat, trifft sein Auge auf den Rest des Berges, der sich vorhin unseren Augen entzogen hatte. Dem Gefuchtel seiner Arme nach konnte ich auch ohne das herunterlassen der Fensterscheibe entnehmen, dass er über meine Antwort von vorhin gar nicht mehr angetan war. Was jetzt folgte ,wäre zum lachen gewesen, wenn es nicht ebenso tragisch war. Ich war der Sündenbock und seine ganze Energie galt jetzt mir und meiner falschen Aussage. Pascal ging danach sogar soweit, bei der nächsten Postautohaltestelle anzuhalten und aufgrund der Zeiten des Postautos sich weiter von der Falschheit meiner Aussage zu überzeugen. Er ritt sich selbst dermassen in eine Krise, dass eigentlich nur noch ein leichter Schlag gegen seinen Helm dienlich gewesen wäre. Aber dazu war niemand bereit. Ich musste mich schon selbst genug motivieren dass ich mich nicht nach hinten ins Auto legte und den Schlaf genoss, den ich meiner Ansicht nach verdient hätte. So vertrauten wir auf das Mittel, das schon am Mortirolo geholfen hatte und schickten Meldeläufer aus, die mit froher Botschaft neben Pascal herjoggten, während er sich dem Gipfel näherte. Sein Gipfel mutierte bisweilen zur Roten Spitze des Sendemastes, obwohl die Strasse viel weiter unten die Passhöhe passierte. Er blieb der festen Überzeugung er müsse da rauf. Dank seiner Beine und einer Frühmorgendlichen Joggingstunde unsererseits schafften wir den Gipfel abermals mit vereinten Kräften. Pascal legte sich schlafen für weitere 20 Minuten. Wir hofften auch hier auf den Mortirolo-Effekt. Doch leider blieb dieser aus. Als Pascal aus dem Wagen stieg war hatte er kalt und war keineswegs erholter. Er machte sich an die Abfahrt und wir alle dachten daran, dass es ja nur runter gehe, somit eigentlich diese Zeit auch noch zur Erholung zu zählen ist. Für ein Mal schafften wir es auch, an ihm dran zu bleiben mit unserem Pacecar. Aber es bot sich uns gar kein erfreuliches Bild. Pascal hing schlaff auf dem Rad und konnte die Kadenz nicht halten. Zeitweise scherte er aus und fuhr in die Regenrinne, die bei diesem Pass anstelle der herkömmlichen Randsteine anzutreffen ist. Zu unser aller Glück! Wir dachten darüber nach, das Rennen zu beenden, aber wir hatten keine Möglichkeit es ihm mitzuteilen. Erst unten auf der Gerade gelang es uns wieder, nah genug an ihn aufzuschliessen. Er teilte uns sofort mit, dass er zeitweise fast eingeschlafen wäre, und bestätigte uns somit unseren Eindruck. Es war klar, noch eine weitere solche Abfahrt könnte folgenschwere Konsequenzen haben. Es war klar, Pascal brauchte Schlaf, mindestens eine halbe Stunde; die Krise während des Aufstieges hat ihn einfach zu viel Energie gekostet. Wir betrachteten den Zeitplan und erkannten schnell, dass er danach mit einem unrealistischen Schnitt bis ans Ziel fahren müsste, um noch innerhalb dieser 32 Stunden die Ziellinie zu passieren. Es war aussichtslos und wir waren uns einig, dass es der bessere Entscheid sei, dieses Rennen zu beenden und uns auf das nächste Jahr zu konzentrieren.
Der Tag danach
Natürlich waren wir alle ein wenig enttäuscht, dieses «schwerste Eintagesrennen der Welt» nicht erfolgreich beendet zu haben. Klar, wir waren nicht die einzigen, die kapitulieren mussten. Aber wer bei diesem Rennen an den Start geht, will es schaffen, dafür hat man das ganze Jahr hingearbeitet. Nun, wir haben uns dann, nachdem alle ausgiebig ihren verdienten schlaf genossen haben, noch einmal zusammengesetzt, und die Fehler analysiert. Ehrlich gegenüber allen wurden Fehler, aber auch all dies, welches gut gelaufen ist, diskutiert und zu Papier gebracht, damit wir für die kommenden Herausforderungen besser gewappnet sind. Denn eines ist jetzt schon klar: wir könnens einfach nicht lassen, und die nächsten Rennen warten schon!