Ein wunderschönes Wochenende steht bevor - Temperaturen um die 25 Grad, Sonne und im Osten ein paar Gewitter. Gelegenheit also für eine ausgedehnte Radtour, oder? Mal sehen...
Seit Donnerstag abend bin ich nun in Bern und - in anbetracht der bevorstehenden 600km - eigentlich noch ziemlich entspannt. Es ist Freitag morgen und die Mitbewohner von meinem Betreuer wundern sich gerade darüber, dass ich mein Morgenessen in Form einer grossen Pfanne Spaghetti zu mir nehme und parallel dazu noch haufenweise Reis "als Zwischenverpflegung" koche.
Kohlenhydrate in rauhen Mengen sind das A und O im Ausdauersport und in den nächsten gut 24 Stunden auf dem Rennvelo werde ich diese vorwiegend in flüssiger Form zu mir nehmen. Darum geniesse ich die letzte "richtige" Mahlzeit sichtlich.
Kurz vor Freitag Mittag machen wir uns auf Richtung Wankdorf. Wir dachten bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich, wir wären ziemlich professionell ausgerüstet. Schliesslich haben wir einen ganzen Toyota-Bus mit Haufenweise Essen, Getränken, Kleider, Ersatzteilen und Werkzeugen gefüllt. Wir müssen dann aber feststellen, dass die Konkurrenz teilweise mit massiv mehr Aufwand und Material zugegen ist. Trotzdem bin ich immer noch guten Mutes, denn mein Betreuerstab bestehend aus Christop, Sam und Jan macht auch einen sehr guten Eindruck und ich weiss, dass ich mich auf diese Leute verlassen kann.
12.30 Uhr:
Wir sind ready. Das Begleitfahrzeug ist mit Warnschildern beschriftet, die Reifen zum letzten mal nachgepumpt und die Rennschuhe sind montiert. Es kann losgehen. In 35 Minuten gehts schon das erste mal den Berg hoch.
13.00 Uhr:
Start! Unser Elite-Feld ist nicht sehr gross. Einige haben die Gelegenheit genutzt und sind schon am vormittag zusammen mit den Randonneurs gestartet. Mir ist das egal, denn es wird von Beginn weg ein Höllentempo gefahren und ich überlege mir nach 2 km schon das erste mal ob ich abreissen lassen soll. Ich entschliesse mich dann aber, doch mitzufahren, denn wer im Feld fährt es sich trotz knappem 40er Schnitt immer noch lockerer als alleine mit einem 35er...
Bis zum unteren Hauenstein werden wir von Motorrädern begleitet welche den Verkehr regeln. Das erlaubt uns, jedes Rotlicht mit Vollgas zu überfahren!
14.00 Uhr:
Die erste Rennstunde ist überstanden; ich brauche Flüssigkeit und Nahrung. Da das Feld immer noch ziemlich beisammen fährt, ist die Verpflegung schwierig. Irgendwie schaffen es meine Betreuer aber trotzdem, mir bei über 35km/h vom Strassenrand aus mein Essen und Trinken zu reichen. Aber so kann das nicht weitergehen. Ich hoffe auf den ersten Checkpoint auf dem Hauenstein um dort eine neue Verpflegungs-Taktik zu besprechen.
Am besagten Checkpoint ist das Feld schon nicht mehr komplett; auch ich habe das Tempo den Berg hinauf nicht halten können. Das mit der fliegenden Verpflegung hat sich somit auch erübrigt; ich hole runter nach Rheinfelden zwei Fahrer vor mir wieder auf und in einer so kleinen Gruppe sollte die Nahrungsübergabe kein Problem mehr sein.
18.00 Uhr:
Der Checkpoint Koblenz liegt hinter uns; ebenso die ersten 180 km. Es geht nun zu zweit im Feierabend-Verkehr Richtung Deutschland. Ich fühle mich nach wie vor super; das Tempo hat sich langsam eingependelt und wir können zu zweit als "Aargauer-Express" zügig nach Bonndorf im Schwarzwald hinauf fahren. Von jetzt an ist mein Begleitfahrzeug ständig hinter mir und ich werde fahrend vom Auto aus verpflegt. Jede Stunde das volle Programm: 1 Bidon mit Elektrolyten oder Mineralsalzen, 1 EnsurePlus oder Enlive als Nahrungsersatz und als "Zwischenmahlzeit" jeweils eine Banane und etwas süsses.
21.00 Uhr:
Es wird langsam Dunkel und am Checkpoint Ramsen wird das Licht montiert. Nach einer grossen Portion Reis als Abendessen machen wir uns zu dritt (wir haben aufgeholt!) auf Richtung Bodensee. Kurz darauf beginnt es zu regnen. Also Regenschutz fassen (natürlich ohne anzuhalten; unser Begleittross ist mittlerweise auf 4 Autos angestiegen und wir kommen uns vor wie an der Tour de France). In strömendem Regen fahren wir vollgas Richtung Österreich. Wir sind schon durch und durch nass; einige Fahrer wechseln bei jedem Checkpoint die Kleider. Ich sehe darin keinen Sinn und fahre mit nassen Kleidern weiter.
24.00 Uhr:
Die Hälfte ist geschafft; wir holen immer mehr Fahrer ein, welche entweder zu schnell gestartet sind oder einfach genug haben vom Regen. Ich habe irgend etwas im rechten Auge und wir probieren mit Augentropfen das Problem zu lösen. Vergeblich. Das Auge brennt fast unerträglich und ich habe Mühe, mich auf die Strasse zu konzentrieren.
03.30 Uhr:
Kerenzerberg. Die Regenwolken hängen tief; es ist noch ca. 15 Grad aber ich schwitze wie im Hochsommer. Hätten wir doch die Autobahn dem Walensee entlang genommen - Verkehr hat's eh keinen um diese Zeit...
06.00 Uhr:
Checkpoint Pfäffikon. Wir sind noch zu dritt; und als wir Richtung Sattel losfahren noch zu zweit. Wieder hat einer dem Regen nachgegeben. Für mich steht aufgeben momentan nicht zur Diskussion. Zwar tun am Berg die Beine schon ziemlich weh, aber die Moral ist noch voll intakt und die 200km welche noch bevorstehen, sind jetzt also auch noch zu schaffen. Auf dem Sattel haben wir mein Augenproblem wieder einigermassen im Griff und ich nehme die Abfahrt mit für diese Verhältnisse absolut überhöhtem Tempo in Angriff. Bis jetzt bin ich noch nicht gestürzt; mein letzter Begleiter dafür umso mehr; Konzentrationsfehler auf regennasser Strasse bekommt man somit unverzüglich zu spühren.
Essen wird langsam zur Quahl; ich will nur noch Flüssignahrung aber meine Betreuer, welche immer noch permanent hinter mir her fahren, zwingen mich, auch noch feste Nahrung zu mir zu nehmen. Nur so laufe ich nicht Gefahr, in ein Energie-Defizit zu rutschen.
08.00 Uhr:
Es ist wieder hell und wir befinden uns im nicht gerade Velofreundlichen Kanton Luzern. Dauernd werde ich von hupenden Autos überholt - ich versuche, mich nicht aufzuregen und Kräfte für das Finale im Emmental zu sparen.
09.30 Uhr:
Am Checkpoint in Emmenbrücke ist die Situation ziemlich kontrovers: ich freue mich, dass es nur noch gut 90 km bis nach Bern sind und bin super gelaunt. Zur Feier des Tages wechsle ich zum ersten Mal die Kleider und ziehe sogar noch neue Schuhe an. Der Rest der Leute, die dort sitzen und liegen sieht ziemlich niedergeschlagen und demotiviert aus. Was soll's... ich gebe meinem Team die Anweisung von jetzt an auch noch zusätzlich Cola zu reichen - der Turbo für die letzten drei Stunden!
12.00 Uhr:
mein letzter verbliebener Mitstreiter kämpft mit müden Beinen und dem Magen - ich leiste praktisch alleine Führungsarbeit, aber das ist mir egal; ich will endlich ins Ziel kommen und so forciere ich das Tempo nochmals.
13.11 Uhr:
GESCHAFFT!